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400 Kilometer von Mama zu Papa – Die Kleinen ganz mobil

Zur wachsenden Schar der Wochenend-Pendler gehören immer mehr Kinder. Sie müssen zwischen den Wohnorten ihrer Eltern oft hunderte Kilometer hin und her reisen. Beobachtungen am Berliner Hauptbahnhof. Von Anne Weißschädel                                                                                                                                                                         a

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Um 13.37 Uhr werden für Franziska die Ferien mit Papa zu Ende sein. Dann wird die Neunjährige in den ICE 691 zurück zu ihrer Mutter nach Darmstadt steigen, ohne Papa. Seit ihr Vater vor zwei Jahren weg gezogen ist, pendelt sie zwischen den Wohnorten der Eltern.

Noch bleiben ein paar Minuten. Das blonde Mädchen mit den Sommersprossen schleckt zusammen mit seinem Vater, Harald Konstanski, ein Abschiedseis. Sie gibt sich tapfer: „Im Zug lernt man immer neue Leute kennen“, sagt sie und lächelt. Ihr Vater streichelt ihr über den Kopf. Das hektische Treiben bringt ihn nicht aus der Ruhe. Um sie herum laufen noch sieben andere Kinder mit ihren Vätern oder Müttern zwischen Koffern und Taschen im Warteraum der Bahnhofsmission hin und her. Sie warten darauf, dass es los geht. Hier ist der Treffpunkt für allein reisende Kinder.

Der Rentner Tasso Kunte kontrolliert geduldig alle Papiere und Fahrkarten. Er ist ehrenamtlicher Kinderbetreuer bei der Bahnhofsmission. Er sieht aus wie ein Opa, der mit seinen Enkeln einen Ausflug macht. Er hat sich extra einen DVD-Spieler und Filme gekauft, um die Kinder bei Laune zu halten. Heute will er die Monster AG oder Bernhard und Bianca zeigen.

Es sind Rentner, Hartz 4 Empfänger und Studenten, die jeden Freitag und Sonntag mit den Kindern quer durch Deutschland fahren. 30 Euro bekommen sie dafür, aber für die meisten ist es ein Hobby. Auf sieben ICE Strecken zwischen Berlin und Basel bietet die Bahn zusammen mit der Bahnhofsmission „Kids on Tour“ an.

Kunte drängt zum Aufbruch. Franziska muss sich verabschieden. Ein letztes Mal umarmt sie ihren Vater. Dann geht sie mit der Gruppe zum Gleis. Die Eltern dürfen nicht mit. „Da ist sonst zu wenig Platz und zu viel Gedränge“, sagt Kunte. Franziskas Vater schaut seiner Tochter nach. „Das nächste Mal gehen wir vielleicht wieder Boot fahren“, murmelt er und setzt seinen Strohhut auf.

Knapp 6 000 Sechs- bis 14-Jährige haben „Kids on Tour“ im Jahr 2008 genutzt, Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte stammt aus gescheiterten Beziehungen und pendelt regelmäßig alle zwei bis vier Wochen. Allein im vergangenen Jahr wurden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland rund 192 000 Ehen geschieden. Über 150 000 Kinder waren davon betroffen. Mit der Wirtschaftskrise müssen immer mehr Elternteile für ihren Job umziehen. Und das bedeutet, dass die Kinder weitere Strecken zurück legen müssen. Bei der Bahn kostet das pro Fahrt 25 Euro zusätzlich zum Ticket. Im Flugzeug ist das teurer.

Bei der Lufthansa heißt die Betreuung für allein reisende Kinder „Rotkäppchenservice“. Die Eltern zahlen 40 Euro bei innerdeutsche Flügen, für längere Flüge mit Zwischenstopps bis zu 100 Euro. Air Berlin und Germanwings haben ähnliche Angebote. Am Flughafen dürfen die Eltern bis zum Gate mitgehen. Danach sorgt ein Mitarbeiter dafür, dass das Kind auf dem richtigen Sitz im richtigen Flugzeug landet. Jährlich fliegen 1,5 Millionen Kinder mit Lufthansa, davon 65 000 alleine. Der Konzern wirbt sogar mit einer „eigenen Kinderlounge mit Videospielen“.

Ob das reicht, um die Kinder vom traurigen Abschied abzulenken ist fraglich. Der Kinderpsychologe Michael W. Bzufka hat beobachtet, dass Scheidungskinder öfter Verlustängste haben. Manche könnten sich durch vielen Ortswechsel schwerer konzentrieren. Ihre Gedanken pendelten dann auch im Alltag zwischen den Wohnorten hin und her. Andererseits lernten sie so auch schneller mit verschiedenen Menschen umzugehen, könnten Andere besser einschätzen und seien selbstbewusster.

Auch Franziska wirkt selbstbewusst, in Wirklichkeit ist sie traurig. „Ich finde es blöd, dass ich Papa nicht wie andere Kinder jedes Wochenende besuchen kann“, sagt sie. „Wenn ich zu Hause bin, nehme ich mir eine viertel Stunde und weine, wenn ich traurig bin.“ Auch ihre Mutter kann sie nicht trösten. „Die sagt dann, dass ich nicht so oft an Papa denken soll. Aber das ist eben nicht so leicht, nicht an Papa zu denken.“ Dann packt sie ihre Pferdezeitschrift aus.

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