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Digitaler Dauerkontakt – Leben in ständiger Erreichbarkeit

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Auf der Straße sind sie nicht zu überhören, im Zug nerven sie – die vibrierenden und klingelnden Handys. Und dann ist da noch das Internet, wo wir grenzenlos kommunizieren. Immer und überall erreichbar sein: Neue Freiheit oder moderne Sklaverei? Zwei Standpunkte.

Von Nora Jakob Von Lena Jakat
Kaum noch Zeit bis zu den Klausuren: Ich bin sowieso schon spät dran und muss mich noch intensiv auf die bevorstehenden Tests vorbereiten.

Jetzt sollte ich aber ganz dringend in die Bibliothek, um mich in der verbleibenden Zeit hinter die Bücher zu klemmen. Also, Handy aus, Notebook im Schließfach verstauen – ab jetzt bin ich für ein paar Stunden einfach nicht mehr erreichbar.

Immer überall erreichbar Foto: Sina Müller
Irgendwann habe ich es dann doch getan: Meine Mails abgerufen. Und schon steht da ganz groß die Frage: „Wo bist du?“

Grenzenlos erreichbar

Einige Freunde waren überrascht und beinahe schon besorgt, weil sie mich zwei Stunden lang nicht erreicht hatten: Denn ich bin gerne und fast überall erreichbar. Ich habe seit einigen Wochen einen Twitter-Account und bin bei studiVZ. Mein Handy nutze ich, um SMS zu schreiben und um zu telefonieren – teilweise exzessiv. Damit liege ich im Trend. Denn dieses „Ständige-Erreichbar-Sein“ nimmt zu: Jeder Deutsche hat mittlerweile mehr als 1,2 Handys. studiVZ erreicht mit 14 Millionen Nutzern einen größeren Kreis als der Fernsehsender RTL. Knapp 2 Millionen Deutsche twittern zur Zeit.

Überall erreichbar zu sein und Informationen von überall abrufen zu können, bringt für mich viele Vorteile, zum Beispiel im Studium oder bei meinem Berufsziel Journalismus. Recherchieren ist heute dank der vielen Informationen im Netz viel einfacher. Außerdem kann ich problemlos im Internetcafé oder via Handy die Nachrichtenlage verfolgen.

Die entscheidenden Pluspunkte der ständigen Erreichbarkeit sehe ich aber vor allem im Privaten: Wenn ich abends spontan mit Freunden ausgehen möchte, dann kann ich kurz vor knapp noch den Zeitpunkt oder den Ort ändern: „Heute nicht doch lieber zum Italiener statt zum Mexikaner?“ Mit nur einer SMS kann der ganze Abend neu geplant werden. Auf die Antwort muss ich sicher nicht lange warten.

Grenzenlos kommunizieren

Außerdem hebt das Internet für mich Grenzen auf: Ganz gleich, ob jemand in Hong Kong, Südafrika oder Deutschland ist, so kann er doch immer – zumindest virtuell – auch am Leben in der Heimat teilnehmen. Er kann von der Ferne Ratschläge geben oder die Daheim-Gebliebenen über das Leben in der Fremde auf dem Laufenden halten. Damit wird ein „Ich-Bin-Doch-Da“- Gefühl suggeriert.

Gleichzeitig gibt diese ständige Erreichbarkeit mir und anderen Sicherheit. Denn, obwohl ich physisch gerade nicht anwesend sein kann, habe ich doch ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte von Menschen, die mir nahe stehen. Natürlich ist es nicht dasselbe, ob ich jemanden in den Arm nehme oder mit ihm Probleme am Telefon oder per Mail löse.

Das Internet hilft aber dabei, die Zeit zu überbrücken, bis man dann tatsächlich wieder da ist. Deswegen möchte ich immer und überall erreichbar sein – auch, wenn ich in besonderen Fällen wie beim Lernen für eine Klausur, einfach mal abschalte.

Heute müssen wir flexibel sein, auf Dauer-Standby, immer und überall erreichbar, um Erfolg zu haben. So ganz komme auch ich an dieser Tatsache wohl nicht vorbei, aber gut finde ich das nicht.

Natürlich ist mit dem Internet das Leben einfach geworden, gerade für mich als Journalistin: Sachverhalte sind schnell recherchiert und die Arbeit lässt sich bequem auch außerhalb der Redaktion erledigen. Aber im Privaten wird diese Kommunikationsfreiheit manchmal zum Zwang.

Ich war zum Beispiel noch nie ein Anhänger des Social-Network-Trends. In studiVZ war ich die Letzte. Es dauerte lange, bestimmt ein paar Monate oder ein Jahr bis sich genügend gesellschaftlicher Druck aufgebaut hatte. Meine Freunde zwangen mich quasi, das erste Online-Profil zu erstellen. Zugegeben, ein bisschen Neugier war vielleicht auch dabei.

Was machst du gerade?

Hier begann mein persönlicher Leidensweg, denn sofort wurde ich mit dem Satz konfrontiert, der alle sozialen Netzwerke bestimmt: „Was machst du gerade?“

Und es interessiert keinen, ob ich gerade meinen Pullover kleingewaschen habe oder mich in Politische Theorie vertiefe – auch wenn das viele meiner neuen Online-Freunde anscheinend noch nicht durchschaut haben.

Mir ist schnell klar geworden: Um cool zu sein, müssen da Dinge stehen wie : „Mit Claus (K.) zum Kaffee verabredet“, „Flug nach Birma gebucht – Recherchereise“, oder „Lest mal: www.faz.net/….“. Dazu kommt der Zeitdruck: Was machst du gerade? Das heißt nicht vorhin, das heißt nicht nachher, sondern exakt in diesem Moment. Der Zwang, alle immer von überall auf dem Laufenden zu halten, und dabei stets meine Coolness unter Beweis zu stellen, nervt.

Jetzt hat sich studiVZ mit twitter verschworen, um die Welt von ihren letzten Ruhezonen zu befreien: Nicht einmal die Strecke zwischen Schreibtisch und Uni gilt jetzt noch als Ausrede, nicht online zu sein – wozu gibt es schließlich Handys?

Konzentration in Ruhe
Gegen Emails habe ich grundsätzlich nichts. Wenn ich meinen Briefkasten an der Haustür ein paar Tage nicht leere, sagt ja auch keiner was. Aber wenn 30 Sekunden, nachdem ich eine Email abgeschickt habe, schon die Antwort in meinem Posteingang blinkt, wird mir unheimlich. Dann atme ich tief durch und wiederhole mein Mantra: „Es ist ok, erst in zehn Minuten zu antworten, oder erst in einer Stunde. Es ist ok.“

Ich rufe Sie gerne zurück

Es stimmt: Ich will selbst entscheiden, wann ich mit wem zu tun haben will, per Mail, social network und auch Telefon. Vielleicht ist das uncool, egoistisch und wenig arbeitsmarktgerecht. Aber ich brauche solche Pausen von der Welt.

Das Handy auszuschalten traue ich mich nur selten, schließlich bin ich ja engagierte Journalistin. Aber manchmal gehe ich einfach nicht dran. Der Klingelton ist von meiner Lieblingsband, den höre ich mir gerne auch länger an. Und zurückrufen kann ich später immer noch.

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