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Wisch und Weg: Der iPhone Test

Statussymbol der jungen Generation ist kein Auto, sondern ein High-Tech-Accessoire. Doch macht das iPhone das Leben nur schicker oder auch bequemer? Wir haben den Test gemacht. Ein Erfahrungsbericht. Von Lena Jakat und Sina Müller                                                                                                                          a

iPhone Slide Foto: Nora Jakob

Mattgebürsteter Rücken, verglaster Touch-Screen, schwarze Eleganz. Die schokoladengroße Metalltafel liegt glatt und kühl in meiner Hand. Das iPhone soll nun also auch mein Leben bequem machen: Mich leiten, mich befreien, mir lästige Entscheidungen abnehmen und so Platz machen für wirklich große Gedanken. Ein Kollege hat mir sein „zweites Gehirn“ wie er sagt, nicht ohne Feierlichkeit überreicht. An einem Nachmittag in Berlin lernen das iPhone und ich uns also kennen.

Die Bedienung sei wirklich intuitiv, hat mir der Besitzer und bekennende iPhone-Jünger versichert. Tastensperre aufheben mit einem Fingerwisch – das kennt man ja aus der Werbung. Dahinter leuchten mir viele bunte Icons entgegen: Ein gelbes H auf grünem Grund markiert vermutlich eine Fahrplanfunktion. Comic-Füchse und lachende Kugeln lassen mich rätselnd zurück. Aber egal, allein hier durchzuscrollen, lässig und doch elegant, gibt mir das Gefühl von Wissen und Coolness. Doch nur im Schatten.

Erster Kontakt

Sonnenstrahlen offenbaren meine hässlichen Fingerschweißtapser, die das sterile Wunderding verunstalten. Ich hauche das Display an und reibe es ab; da erscheint aus dem nichts ein „x“ und in irgendeinem Adressverzeichnis irgendeine Frau Bergmann. Erst nachdem ich mich mehrmals orientierungslos in den tiefen Windungen des iPhone-Hirns wiedergefunden habe, wird mir klar, dass meine Rettung die einzig erkennbare Taste des Geräts ist: Der schwarze Kreis mit dem Quadrat bringt mich stets zurück ins Startmenü.

Erster Praxistest: Fotos twittern

Sich selbst zu fotografieren, besonders vor Sehenswürdigkeiten ist ja ein schwieriges Unterfangen, auch mit meinem klobigen SonyEricsson. Das iPhone fordert mich aber richtig heraus: Ich versuche zwar, es – natürlich verkehrt herum – so zu halten, dass ich den richtigen Bildausschnitt treffe, den unpraktisch in die äußerste obere Ecke gequetschten Sucher nicht verdecke und den Auslöser auf dem Touchscreen zu treffen. Doch leider besitze ich weder die Fingergelenkigkeit eines Konzertpianisten noch die Motorik eines Miniaturmalers.

Fotografieren: schwierig

Ich habe es geschafft, mein Selbstporträt ist abgespeichert. Aber das war ja noch nichts Besonderes, das schafft auch mein altes Handy. Was es nicht schafft: Das Bild direkt ins Social Network twitter hochladen, so dass es auch alle meine Weltmitbürger sofort bewundern können. Soweit eines der iPhone-Versprechen in der Theorie. Die Praxis ist allerdings weniger einfach und elegant. Das Minipogramm mit dem Vogelsymbol ist zwar leicht zu durchschauen, aber bei dem Versuch, die Bildzeile zu texten, kommt es zum Erstkontakt mit der iPhone-Tastatur. Schnell versagen Zeige-, Mittel- und Ringfinger als Touch-Werkzeuge: „gedfaaechhntmiskoirche“ steht da statt „Gedächtniskirche“. Auf Anhieb nur auf dem einen richtigen Buchstaben zu landen, das schafft dann auch mein kleiner Finger nur selten.

Zweite Chance: Emails schreiben

Ich bin enttäuscht. Das Leben mit der Datenflatrate – ständig in Kontakt mit Freunden in der virtuellen Welt zu sein, Arbeits-Emails abzurufen auch am Badesee – das habe ich mir anders vorgestellt. Auch nach ausgiebigem Üben brauche ich schon für eine SMS noch fünfmal so lange wie auf einem Steinzeitmobiltelefon ohne Worterkennung: 8 Minuten für 59 Zeichen. Ob in Zukunft vielleicht Menschen mit Spinnenfingern regieren werden? Für Wurstfachverkäuferhände wie meine ist da auf jeden Fall kein Platz. Ich wage mich noch an den Status-Bericht des StudiVZ-Apps, dessen vertrautes Design zumindest ein wenig Trost spendet. „Haenge an der tauenzienstraße rum – langweilig“, tippe ich angestrengt in das orange Feld. 47 Zeichen, 5 Minuten. Die Lust, das super-intuitive Email-Verhalten des Geräts zu testen, ist mir gründlich vergangen.

Netzwerken: vertrauter

Dritte Straße links: Nahrungssuche

Mein Leibgericht in einem Restaurant um die Ecke zu bestellen, Schuhe nach meinem Geschmack im Schaufenster eine Straße weiter zu entdecken: Das iPhone verheißt, genau diese erträumten Orte für mich zu finden und mich dorthin zu lotsen. Diesmal hält es sein Versprechen – fast.

Ich puzzle „Restaurant“ in das Suchfeld, viele blaue Stecknadeln fallen auf die Google-Karte. Ristorante Bacco – das ist es! Der Routenplaner legt los: „70 m gerade aus, dann rechts.“

Doch plötzlich springt der rote Punkt, der meine Position in der Rankestraße markiert, zwei Blocks weiter. Menschen wezubeamen, das schafft allerdings selbst das iPhone nicht; Ich bin noch da und erleichtert stelle ich fest, dass sich auch der Zielpunkt auf dem Display nicht verändert hat. Ich benutze das digitale Hirn des iPhones als schlichte Straßenkarte und mit ein klein wenig bringt es mich dann schließlich doch ans Ziel. Schön, dass Straßenschilder uns vorerst also wohl erhalten bleiben werden.

Orientierung: fast perfekt

Für alles kann ich die Technik aber auch nicht verantwortlich machen: Daran, dass das Restaurant – anders als im Internet angekündigt – dann doch geschlossen ist, haben die iPhone-Erfinder schließlich auch keine Schuld.
Manche sagen, Geräte wie das iPhone werden unsere Zukunft bestimmen. Eine Zukunft, in der unser Hirn frei bleibt für das Wesentliche und sich nicht mehr mit alltäglichen Banalitäten herumärgern muss wie: Wo fährt der Bus? Wie wird das Wetter? Eine Zukunft, in der wir so viel Freizeit haben wie nie, denn die Arbeit erledigt sich per Internet von überall ganz nebenbei. Eine Zukunft, in der Zwischenmenschliches den Platz bekommt, den es braucht. Endlich können wir mit den alten Freunden Kontakt halten, die wir schon seit Wochen wieder einmal anrufen wollten, denn durch twitter kann jeder bequem am Leben aller anderen teilhaben.

Bevor solche Visionen wahr werden können, sollten Entwickler und High-Tech-Junkies allerdings noch einmal an der nötigen Technik feilen. Die Tapser auf dem Glasdisplay lassen mich ernüchtert zurück. Das Wunderding liegt nicht mehr kühl und angenehm in meiner Hand sondern warm und schmutzig. Ich wische noch einmal darüber und schiebe mein geliehenes Zweithirn zurück in seine Hülle.

Das iPhone und sein Hype

Das Geschäft mit dem schicken Mobiltelefon boomt: Ende 2008 gab es in Deutschland schon 330.000 iPhones, weltweit sind es inzwischen mehr als 26 Millionen. Mit so genannten Apps aus dem Internet kann sich jeder Nutzer seinen eigenen Funktionenkatalog zusammen stellen und Miniprogramme kostenfrei oder gegen Bezahlung auf sein Handy laden. Auswählen kann man dabei aus mehr als einer Milliarde Anwendungen; am beliebtesten sind bei weitem Spiele und andere Gimmicks.

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Wie das iPhone Glück messen kann (externer Link)

Comments (2)

 

  1. Alex sagt:

    Was die “zweite Chance”, also das Tippen betrifft: Ich wette die Autorinnen haben bei ihrem ersten Handy, ob mit oder ohne T9, mindestens genauso lange, eher länger, gebraucht. Das man mit einem neuen Tastatur Layout langsamer tippt, als mit dem gewohnten ist klar. Mit etwas Übung funktioniert das ganz flüssig, erst Recht, wenn man das Gerät in die Horizonale legt und mit beiden Daumen tippt. Was das Selbstportrait angeht: Man kann den Finger auf den Auslöser legen, das iPhone herumdrehen und grinsen – die Kamera löst erst aus, wenn man den Finger weg nimmt.

  2. Thomas sagt:

    Vielleicht das nächste mal vorm Putzen auf den Stand By Knopf drücken, ist doch logisch das da was passiert wenn man auf dem Touch-Screen rum wischt. Außerdem ist das ein Standard QWERTZ-Tastatur-Layout da gehn locker 100 Anschläge / min.