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BILD-Chefreporter Thewalt: “Ich lasse mich nicht vom Handy tyrannisieren”

Seit 33 Jahren arbeitet Andreas Thewalt als Zeitungsjournalist – erst ohne, dann mit Handy. Von seinem Mobiltelefon will er sich nicht zum Sklaven machen lassen. Ein Gespräch über die alte und neue Medienwelt. Von Sina Müller.

Thewalt Schwarz-Weiß
Chefreporter Andreas Thewalt bei der Arbeit
Foto: Lena Jakat

Wie sah das denn aus, als Sie in den 1970er Jahren angefangen haben als Journalist zu arbeiten?

Andreas Thewalt: Recherchiert wurde über das Festnetz-Telefon, in Archiven, in persönlichen Gesprächen. Ich hatte mir immer selbst ein Archiv angelegt, einen großen Schrank mit Ordnern und Hängeregistern. So konnte ich recht schnell auf wichtige Infos zugreifen. Das vermisse ich heute manchmal. Die Pflege eines Archivs ist zeitintensiv, doch eine Internet-Recherche ist auch nicht immer schnell.
Geschrieben habe ich auf der Schreibmaschine. Abends wurden die Manuskripte mit dem Auto zur Setzerei gebracht, wo noch Buchstabe für Buchstabe in Blei gesetzt wurde.

Was ist denn die größte Veränderung im journalistischen Arbeiten?

Man konnte früher nicht immer ganz so aktuell arbeiten. Das Recherchieren brauchte oft einfach mehr Zeit. Und manche Unterlage war auch nicht so schnell zu beschaffen. Wenn man heute eine Bundestagsdrucksache sucht, dann geht man ins Internet und hat sie in zwei Minuten. Früher musste man ins Archiv und sie sich mühsam kopieren. Oder wenn ein Politiker Informationen verschickt, kann er sie heute – über den richtigen Verteiler – sekundenschnell an eine riesige Zahl von Leuten mailen. Früher hätte wahrscheinlich jemand viele Stunden gebraucht, um beispielsweise ein 300-Seiten Papier für 100 Journalisten zu kopieren.

Und abgesehen vom Recherchieren?

Journalismus insgesamt ist viel schneller geworden. Nachrichtensender und Online-Medien bringen oft neue Nachrichten sofort, häufig zeitgleich mit dem Ereignis. Also muss man als Journalist mehr als früher darüber nachdenken, wie man ein Thema weiterdreht, also so aufbereitet, dass es auch am nächsten Tag noch interessant ist oder noch interessanter wird. Sehr lange Texte lesen immer weniger Leute gerne. Texte müssen deshalb kürzer sein, interessanter aufbereitet, genauer auf den Punkt.

Aber was sich nicht ändern sollte, das ist die journalistische Qualität, egal, ob in Online-Medien oder in der Zeitung. Online kann man sehr kreativ arbeiten. Bei der BILD mache ich beides und beides sehr gerne.

Erinnern Sie sich an die ersten Handys?

Erste flüchtige Bekanntschaft mit so etwas wie dem Handy habe ich 1990 gemacht. Das war das C-Netz, ein schweres Teil mit riesigem Akku. Ich war damals Korrespondent im Osten Berlins und man musste auch in der Redaktion im Westen Berlins erreichbar sein. Über das normale Telefonnetz ging das kaum. Also hatten viele Journalisten, aber auch Wirtschaftsleute und Beamte das schwere, klobige Mobilteil angeschafft. Prompt brach regelmäßig das Netz zusammen. Ich bin dann oft nach langen Telefonversuchen zu Fuß vom Osten in den Westen Berlins in die Redaktion ins Verlagshaus gegangen. Das hat alles sehr viel Zeit gekostet.

Ab wann gab es dann Handys, die funktionierten?

Die kamen, wenn ich mich richtig erinnere, in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und manche Journalisten sträubten sich zunächst ein wenig. Man kann zwar ständig überall damit arbeiten, aber man ist auch permanent erreichbar. Das ist nicht nur ein Vorteil. Man kann auch das Gefühl haben, dass man jetzt ganz eng an der Leine ist.

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Und für Sie persönlich, wollten Sie gleich ein Handy?

Ich war erst auch etwas skeptisch. Ich hatte ja meinen Arbeitsrhythmus ohne Handy. Und der funktionierte gut. Aber ich habe dann doch schnell gemerkt, dass das Handy große Vorteile hat, weil man eben überall damit arbeiten kann.

Und heute?

Heute habe ich ein Gerät, mit dem ich nicht nur telefonieren kann. Ich kann E-Mails abrufen und verschicken, kann auch ins Internet. Ich möchte das Gerät nicht mehr missen. Es hat viele Vorteile und hilft bei der Arbeit sehr. Zum Nachteil werden die Dinger erst, wenn man sich davon zum Sklaven machen lässt.

Machen Sie sich zum Sklaven?

Nein. Mein Handy ist an, wenn es eingeschaltet sein muss. Aber oft stelle ich es leise, schaue ab und zu, ob neue Nachrichten da sind oder ob jemand angerufen hat. Ich kann dann selbst entscheiden, ob ich reagiere oder nicht. Außerdem hat jedes technische Gerät auch einen Knopf zum Abstellen. Wer sich vom Handy tyrannisieren lässt, ist selbst schuld.

Ihr Fazit für die neue mobile Medienwelt?

Es gibt viele Vorteile. Aber nicht alles auf dem Markt bringt wirklich was. Twittern zum Beispiel halte ich für Schnickschnack. Außerdem denke ich nicht, dass die Zeitung ausstirbt. Sie ist wie eine Wundertüte. Man weiß nicht, was drin ist, wenn man die Zeitung aufschlägt. Sie bietet eine bunte Mischung unterschiedlichster Themen, weckt und befriedigt Neugierde.

Und ich finde es auch ziemlich unsexy, mich mit dem Laptop in den Park oder ins Cafe zu setzen und Nachrichten zu lesen. Da ist mir die Zeitung noch immer viel, viel lieber. Aber auf Online-Medien wollte ich daheim und im Büro trotzdem auch nicht mehr verzichten.


ZUR PERSON:


Andreas Thewalt - Foto: Lena Jakat
Andreas Thewalt
Foto: Lena Jakat

Von Festnetz, Archiv und Schreibmaschine zu Internet, E-Mail und Online-Journalismus. Als Zeitungsreporter musste sich Andreas Thewalt mit der wandelbaren Kommunikation auseinander setzen. Gleich nach dem Abitur volontierte der heute 53-Jährige 1976 bei der Rheinzeitung Koblenz.

Nachdem er kurze Zeit als Lokal- und Sportredakteur tätig war, studierte er in Bonn Politik, Geschichte und öffentliches Recht. Er arbeitete für Reuters, die Berliner Morgenpost, sowie das Hamburger Abendblatt. Kurz nach der Wende war er Korrespondent aus Ost-Berlin. Seit einem Jahr ist Andreas Thewalt Chefreporter im Hauptstadt-Büro von BILD.

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