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Tante Emma on the Road

Früher gab es fast in jedem Dorf einen Laden. Der tägliche Bedarf war gedeckt. Doch heute gibt es Supermärkte oft nur noch in Städten. Wer ohne Auto auf dem Land lebt, ist abgehängt. Sind motorisierte Tante-Emma-Läden eine Lösung? Von Oskar Piegsa

Der mobile Supermarkt von Wolfgang Kleßner hält direkt vor der Haus - Foto: Wolfgang Kerler

Wolfgang Keßner, 57, bewegt siebeneinhalb Tonnen Gewicht durch den Wald. H-Milch und Shampoo, Tafelessig und Nicki-Pullover, tief gefrorene Schweinshaxen und die aktuelle „Super Illu“. Zweige peitschen gegen das Führerhäuschen, während der Mitsubishi Canter HD über die unbefestigte Landstraße im tiefsten Brandenburger Osten ruckelt. „Eigentlich ist die für LKW gar nicht zugelassen“, sagt Keßner. „Aber für mich haben die Bürgermeister hier eine Ausnahme gemacht.“ Die Bürgermeister mögen den Mann mit der stattlichen Statur und noch stattlicherem Schnurrbart. Denn während Politiker sich bundesweit um Arbeitsplätze, Firmenpleiten und den mangelnden Konsum sorgen, ist Keßner nicht nur gut für den Konsum. Er ist der Konsum.

Ein Tag im Leben von Wolfgang Keßner, dem mobilen Verkäufer: Mit 7,5 Tonnen durch die Brandenburger Provinz.
Von Oskar Piegsa (Ton) und Wolfgang Kerler (Fotos)

„Konsum“, so hieß die Einzelhandelskette in der DDR, deren Name zum Synonym für den kleinen Dorfladen wurde – wie zuvor der Tante-Emma-Laden im Westen. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus folgten die Konsum-Läden vielerorts dem Schicksal ihrer westdeutschen Pendants: sie wurden verdrängt von Supermärkten und Discountern. Diese Selbstbedienungsmärkte sind nicht nur günstiger und bieten mehr Auswahl als die alten Dorfläden, sie versorgen auch immer größere Einzugsgebiete.

Rund 130.000 Lebensmittelgeschäfte gab es 1970 nach Untersuchungen des Europäischen Handelsinstituts in der alten Bundesrepublik, 2007 sind es noch rund 50.000 in Gesamtdeutschland – Aldi, Lidl & Co. inklusive. Tendenz: sinkend – insbesondere in den neuen Bundesländern, wo Geschäfte immer häufiger pleite gehen. Die Gewinner dieser Entwicklung sind Kunden in städtischen Ballungsgebieten, die vom breiten Warenangebot und den günstigen Preisen konkurrierender Supermärkte profitieren. Die Verlierer sind Dörfler, die sich kein eigenes Auto leisten können, oder zu alt oder krank sind, um eines zu fahren. Menschen wie Annegret Schulze* aus Markgrafpieske.

Wolfgang Keßner bestückt die Regale in seinem begehbaren Supermarkt-Laster
Foto: Wolfgang Kerler

Schöner shoppen — in der DDR

Das 850-Seelen-Dorf ist einer von 25 Stopps auf Wolfgang Keßners Donnerstagsroute. Seit neun Jahren kurvt Keßner vier Tage die Woche zwischen Oder und Spree durch die Provinz und hält dort, wo es keinen Konsum-Laden mehr gibt. Sanft kommt der LKW direkt vor der Haustür von Annegret Schulze zum Stehen, Keßner hüpft aus dem Führerhäuschen, läuft um den Wagen herum und klappt die Stufen zur begehbaren Ladefläche herunter. 1200 verschiedene Waren warten dort in Hängeregalen: Lebensmittel, Getränke, Toilettenartikel und einige Textilien. Sogar einen Kühlraum gibt es. Bis nach oben ins Wageninnere schafft es die Rentnerin nicht mehr – sie parkt ihren Gehwagen in Sichtweite des Warenangebots und reicht Keßner die Einkaufsliste. Bei bettlägrigen Kunden bringt Keßner die Lebensmittel bis ins Haus, manche Einkaufslisten kann er auswendig aufsagen. Während der Verkäufer die Waren zusammensucht, erzählt Schulze von früher. „Hier gab es alles: Bäcker, Fleischer, Textilien, da drüben war die Post“, sagt sie. „Bis nach der Wende, 1991 oder 1992, war hier alles wunderbar. Dann wurde es Petra, die den Konsum-Laden führte, zu teuer. Und den anderen wohl auch.“

Das Massensterben der Dorfläden ist nicht nur ein Phänomen in Ostdeutschland. Bundesweit ist es eine Folge der Entwicklung, die man gemeinhin als „demografischen Wandel“ zusammenfasst: Mangelnde Arbeitsplätze, die Abwanderung der Jungen und Qualifizierten, sinkende Kaufkraft, weitere Firmenpleiten, der Rückbau des öffentlichen Nahverkehrs. Wer zurückbleibt wird abgehängt. Ein Teufelskreis?

Hohe Stufen zur Ladefläche
Die Stufen zur Ladefläche sind steil – doch der freundliche Verkäufer gibt Hilfestellung.
Foto: Wolfgang Kerler

Alternde Kunden schätzen die Läden der alten Schule

„Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft angeht!“, sagt Hans-Heinrich Lemke. In den 1970ern, als der Durchmarsch der Discounter begann, machte Lemke seinen kleinen Lebensmittelladen in Göttingen zu – und begann als fliegender Händler mit begehbarem LKW das Umland der niedersächsischen Stadt zu versorgen. Sprit und Fahrzeugverschleiß seien günstiger als die Ladenmiete gewesen und schon damals habe es in der Provinz zunehmend Kunden gegeben. Heute betreibt Lemke eine Flotte von 17 „rollenden Supermärkten“. Er ist einer der Erfolgsunternehmer der Branche und engagiert sich als Vorsitzender im Fachverband Mobile Verkaufsstellen für die Anliegen seiner Zunft. 250 Unternehmen sind in dem Verband organisiert, die größten von ihnen zählen bis zu 40 Fahrzeuge. Lemke schätzt, dass bundesweit etwa 1800 motorisierte Dorfläden unterwegs sind – Spezialhandel wie Eier-, Fleisch- oder Fischwagen nicht mitgezählt.

Kauf von Artikeln
Die Waren im mobilen Supermarkt sind deutlich teurer als beim Discounter.
Foto: Wolfgang Kerler

„Der mobile Nahverkauf ist hundertprozentig ein Wachstumsmarkt“, sagt Lemke. Er erzählt von Kunden, die trotz eines eigenen Autos lieber im mobilen Dorfladen einkaufen. „Die Generation 50-plus fährt für die fünf oder sechs Artikel für den alltäglichen Bedarf im kleinen Haushalt nur ungern bis zum Supermarkt“, sagt Lemke. „Wenn wir beim Joghurt fünf oder sechs Cent teurer sind, wird das akzeptiert. Dafür grüßen wir unsere Kunden mit Namen, das gibt es im Supermarkt nicht.“ Seine Argumentation klingt einleuchtend: im Tante-Emma-Laden gab es schließlich auch nicht alle Produkte, oder die billigsten Preise. Dafür aber persönlichen Kontakt mit dem Verkäufer und Tratsch aus der Region – sie waren Läden mit Soft Skills. Folgt man dieser Überlegung, dann punkten ausgerechnet die mobilen Verkaufsstellen mit den Stärken des immobilen Zeitalters.

Sterben die Kunden, geht die Firma pleite

„Bundesweit geht es um ein geringes Marktvolumen“, widerspricht Olaf Roik vom Einzelhandelsverband HDE: „Das ist keine Massenbewegung mit flächendeckender Anbindung.“ Obwohl längst auch Frisöre Hausbesuche machen und motorisierte Metzger und Bäcker durchs Land ziehen, gibt es bei den Bundesbüros der Handels- und Handwerkskammern keine Erfassung mobiler Dienstleister – „kein Massenphänomen“, heißt es auch hier. Eine Goldgrube ist die vernachlässigte Provinz nicht gerade. „Schon der stationäre Einzelhandel kämpft mit geringen Margen“, sagt Roik. „Mit Discountern können mobile Verkaufsstellen nicht mithalten.“

Suche nach richtigem Artikel
Der mobile Supermarkt fasst rund 1200 verschiedene Waren. Manche davon sind gut versteckt.
Foto: Wolfgang Kerler

Diese Erfahrungen macht auch Wolfgang Keßner im strukturschwachen Osten Brandenburgs. Zumal der Joghurt bei ihm nicht fünf, sondern fünfzig Cent teurer ist als beim Discounter. Anders als Lemke sind die LebensMut Movers, für die Keßner fährt, nur mit zwei Lastern unterwegs, entsprechend gering sind die Abnahmezahlen und die Verhandlungsmöglichkeiten beim Einkauf. „Manche Kunden kommen zum Monatsende nicht mehr“, sagt er. „Wir haben mal mehr Routen befahren, aber wenn da zwei, drei Kunden sterben, dann lohnt sich der Umsatz für uns nicht mehr.“ Dabei bedient er nicht Menschen, die sich etwas mehr Service leisten können und wollen, sondern solche, die auf ihn angewiesen sind. „Die Jungen halten auf dem Weg zur Arbeit bei den großen Märkten“, sagt Keßner. Doch die nächste Aldi-Filiale ist neun Kilometer von Markgrafpieske entfernt. Bis zum nächsten Lidl berechnet der Routenplaner sogar knapp 30 Kilometer – ohne Auto eine unüberbrückbare Distanz. Selbst wenn die Supermärkte näher liegen, sind sie für die nicht oder nicht mehr Motorisierten nur schwer erreichbar: über Landstraßen ohne Fahrradwege, mit Jutebeuteln voller Lebensmittel, bei Glatteis und Hitze.

Deshalb kommt Keßner nach Markgrafpieske und tippt im Heck seines LKW die Preise für Scheibenbrot und Jagdwurst, für Katzenfutter und Klopapier in die Kasse. „Elf Euro und vierzehn Cent“, ruft er Annegret Schulze zu, als er die Stufen zu ihr herunterkommt und die Einkaufstüte auf dem Gehwagen deponiert. Schulze reicht ihm das Portmonee, das Kleingeld sucht der Verkäufer selbst heraus. „Meine Kinder sagen immer: bei dem sind die Waren sind zu teuer“, sagt die Rentnerin. Doch die Kinder haben das Dorf, in dem es keine Geschäfte und Arbeitsplätze mehr gibt, längst verlassen. „Der Mann muss ja auch bezahlt werden“, sagt Schulze: „Der kümmert sich um die Ollen.“

* Name von der Redaktion geändert

Emma-auf-Rädern vs. Supermarkt (Kaiser’s am Berliner Wittenbergplatz)
500 ml Spülmittel
450 g Pflaumenmus
Vier AA-Batterien
Kamm
Handtuch, bestickt
1l H-Milch, 3,5%
Tafel Schokolade
600 g Margarine
Drei Bananen
Schweinshaxe
1,25
1,60
2,99
2,29
4,00
1,20
1,00
1,60
0,93
4,30
0,65
0,89
3,99
1,29

0,65
0,89
0,99
0,99
2,99

Mehr zum Thema:

Grundgesetz: Die „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ ist Aufgabe des Bundes (PDF, 0,23 MB)

Studie: Welche regionalen Unterschiede gibt es schon bei der Lebensmittelversorgung zwischen Stadt und Land (PDF, 0,15 MB)

Berlin-Institut: Es gibt Regionen, denen auch durch den Staat nicht mehr zu helfen ist (PDF, 1,41 MB)

Gegenposition: Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) widerspricht dem Berlin-Institutvehement

(Un-)gleichwertige Lebensverhältnisse: Themenhefte „Kommunen im Wandel“ (PDF, 284 MB) und „Ländlicher Raum“ (PDF, 0,49 MB) der Bundezentrale für politische Bildung.

Herausforderungen in der Provinz: Einen journalistischen Überblick der Herausforderungen bietet „Das Parlament“

Comments (6)

 

  1. Sebastian sagt:

    Seeeehr schönes Feature!!!!!!

  2. Peter Neubert sagt:

    Gutes Feature und auch sonst ein gut gemachtes Projekt. Da kann sich ein Profi ein Beispiel daran nehmen. Super!

  3. Hallo,
    im möchte auch so ein Fahrzeug haben. Können SIe mir darüber mehr Informationen verschaffen?

    Mfg
    Roberto Giavarra

  4. Oskar Piegsa sagt:

    Lieber Herr Giavarra,

    rufen Sie doch mal beim im Artikel erwähnten Fachverband Mobile Verkaufsstellen an. Die Kontaktdaten finden Sie hier:
    http://www.lebensmittelhandel-bvl.de/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=128&cid=19

    Herzliche Grüße,
    OP

  5. Heinrich Hadding sagt:

    Lieber Herr Piegsa,

    das ist ein wirklich sehr guter Beitrag, mit toller audiovisueller Unterstützung.

    Für die Recherche eines möglichen Spielfilmprojekts suche ich als Drehbuchautor u.a. nach einem Dokumentarfilm, der mir vor einigen Jahren im Fernsehen begegnete. Erzählt wurde von einem mobilen Händler in einem sehr abgelegenen und vom demographischen Wandel besonders betroffenen Gebiet der neuen Länder. Bemerkenswert war u.a., dass der Mann selbst aus Hamburg stammte, ursprünglich seine Frau den mobilen Laden betrieb, die Ehe scheiterte und er dann den Laden weiterführte. Eine weitere Episode erzählte von zwei alkoholkranken Sozialhilfeempfängern, die der Verkäufer persönlich zum Abholen ihrer Unterstützung fuhr, dann vor der Behörde auf sie wartete, damit sie ihren „Deckel“ bei ihm abbezahlen können. Kommt Ihnen das bekannt vor?

    Anfragen beim Sender – ich vermute nach wie vor, dass es ein MDR-Beitrag war – blieben leider ohne Erfolg, ich könnte mir aber vorstellen, dass Sie mir vielleicht mit Informationen zu Titel / Macher / Sender weiterhelfen können? Das wäre toll.

    Haben Sie herzlichen Dank im Voraus!

    Mit freundlichen Grüßen,

    Heinrich Hadding

  6. Oskar Piegsa sagt:

    Lieber Herr Hadding,

    herzlichen Dank für Ihr Feedback! Bei Ihrer Suche kann ich Ihnen aber leider nicht weiterhelfen — ich bin dem Beitrag bei meiner Recherche nicht begegnet…

    Beste Grüße,
    Oskar Piegsa