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Hauptsache flexibel!

Für die Karriere von München an die Nordsee umziehen, im Café sitzen und per E-Mail Verträge abschließen: Unsere Arbeit wird immer mobiler. Aber ist das gut für uns? Wir haben zwei Wissenschaftler mit sechs Thesen konfrontiert. Von Lena Diesing

Wirtschaftswissenschaftler Ronnie Schöb Politikwissenschaftler Weert Canzler
Ronnie Schöb ist Professor für Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Eines seiner Spezialgebiete ist „Labor Mobility“ – Arbeitsmobilität. Schöb untersucht beispielsweise, wie die Steuerpolitik oder die Globalisierung unseren Arbeitsmarkt beeinflussen.


Weert Canzler ist Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Er untersucht, wie sich die mobile Gesellschaft verändert. Zum Beispiel forscht er darüber, was das Auto für das Leben eines modernen Menschen bedeutet.

These 1: Wir haben Videokonferenzen, Handys und mobiles Internet – der persönliche Kontakt ist in Zukunft überflüssig.
Von der These halte ich nichts. Es zeigt sich immer stärker, dass der persönliche Kontakt bei der Kommunikation ganz entscheidend ist. Bei Experimenten hat man Leute so genannte „Ultimatumsspiele“ spielen lassen. Dabei müssen zwei Personen Geld unter sich aufteilen. Wenn die beiden Personen sich nicht kennen und in der Testsituation nur über E-Mail kommunizieren, dann schiebt sich jeder selbst den größten Teil des Kuchens zu. Ein bisschen besser teilen zwei Personen das Geld, wenn sie sich für den Test über Video sehen können. Am gerechtesten und am effektivsten ist das Teilen, wenn sich zwei Personen im Experiment wirklich gegenüber stehen. Also: Ohne persönliche Kommunikation geht es nicht. Das glaube ich nicht. Man wird durch Videokonferenzen, Mobiltelefon und Internet nur routinemäßige Treffen ersetzen, aber die persönlichen Gespräche wird es weiterhin auf allen Ebenen geben. Für wirkliche Interaktion braucht man den persönlichen Austausch. Bei kniffligen Dingen ist direkter Kontakt wichtig, beispielsweise, wenn man Verträge aushandelt. Vertrauen ist da das Zauberwort. Man muss sich kennen lernen, damit man sein Gegenüber richtig einschätzt – das geht nur von Angesicht zu Angesicht.
These 2: Nur wer unbegrenzt flexibel ist, kann Karriere machen. Wer das nicht leisten kann, hat Pech gehabt.
Das stimmt nicht. Sicherlich hat derjenige mehr Chancen, der sich nicht an einen Ort bindet: Er hat einfach mehr Auswahl. Aber das heißt noch lange nicht, dass derjenige, der an einem Ort bleibt, nichts erreichen kann. Es ist nur die Frage, für was er seine Zeit oder sein Geld verwendet: Er muss sich nicht unbedingt um räumliche Mobilität bemühen. Stattdessen könnte er geistige Flexibilität zeigen und zum Beispiel ein gutes Netzwerk in seinerUmgebung spinnen. Flexibilität und Mobilität sind da nicht dasselbe. Ein Handwerker im Baugewerbe zum Beispiel: Wenn er in seinem Ort keine Aufträge hat, aber nicht von dort weggehen will, dann muss er sich einen anderen Job suchen. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Ich gebe entweder meinen Job oder meine Region auf. Das stimmt im Prinzip. Heute ist das schon so und das wird in Zukunft mindestens genauso stark sein. Letztendlich muss jeder für sich selbst abwägen, inwieweit er flexibel ist und seine persönlichen Präferenzen mit den beruflichen Anforderungen verknüpft. Das ist eine verantwortungsvolle Entscheidung: Wie mobil will ich sein, wie stark möchte ich mich um meine Familie kümmern oder wie sehr möchte ich meinen festen Freundeskreis pflegen? Aber fest steht: Um erfolgreich zu sein, wird Mobilität eine Grundanforderung sein.
These 3: Mobilität macht unglücklich: Der Mensch ist eigentlich träge.
Das kann ich nicht unterschreiben. Ich denke, dass die Menschen unterschiedlich sind. Manche Menschen haben nie das Bedürfnis, über ihre Dorfgrenzen hinaus zu gehen. Andere Menschen wünschen sich von Kindheit an nichts sehnlicher, als neue Länder und Kulturen zu erforschen. Wer mobil ist, kann durchaus glücklich sein. Aber: Mobilität heißt auch, dass man seine Heimat aufgibt. Im Gegensatz dazu bedeutet Heimatverbundenheit oder Immobilität, dass man seine Neugier in vielen Dingen nicht befriedigen kann. Das glaube ich nicht. Der Mensch ist manchmal träge, manchmal möchte er auch etwas Neues kennen lernen. Das ist eine Mischung aus Trägheit und Mobilitätsbedürfnis. „Fernweh“ oder „Tapetenwechsel“ sind Begriffe, die daraufhin deuten, dass wir durchaus mal etwas Anderes sehen möchten und uns gerne bewegen.
These 4: In Zukunft arbeiten wir nur noch von zu Hause aus.
Nein. Arbeit wird immer in Teams passieren, und nicht in Heimarbeit. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Man sitzt ja nicht nur am Schreibtisch und wurschtelt vor sich hin. Es ist ganz wichtig, dass man mit anderen Leuten persönlich spricht und nicht nur über E-Mail oder Telefon kommuniziert. Man muss im selben Raum sitzen, zusammen an eine Tafel gehen, über Dinge zusammen nachdenken können. Viele Dinge kann man daheim machen, aber es ist schlicht nicht alles von zu Hause möglich. Und da würde ja auch keiner mitmachen. Wann macht Arbeit am meisten Spaß? Wenn man mit anderen Leuten zu tun hat. Nein. Diese These möchte ich komplett verneinen. Man wird teilweise zu Hause arbeiten, wie es auch jetzt schon ist – vor allem in „Büro-Berufen“. Außerdem wird viel unterwegs gearbeitet. Morgens im ICE arbeiten drei Viertel der Leute. Trotzdem wird man in ganz klassischen Büros arbeiten, nur ist es nicht immer dasselbe Büro. Das hängt damit zusammen, dass wir wahrscheinlich unsere Tätigkeiten und Arbeitspartner häufiger wechseln, aber trotzdem den persönlichen Kontakt brauchen – wie schon gesagt.
These 5: Manche Menschen werden immer mobiler, andere können bei dieser Entwicklung nicht mithalten: Sie werden aus der modernen Gesellschaft ausgeschlossen.

Nein. Räumliche Mobilität ist kein Ausschlusskriterium. Wie schon gesagt: Auch, wer sich räumlich bindet, kann Erfolg haben, wenn er sein Leben in seinem direkten Umfeld gut organisiert und geistig flexibel bleibt. Nur diejenigen, die überhaupt nicht flexibel sind, werden es zunehmend schwieriger haben. Wir leben in einer Welt, die sich sehr schnell ändert. Deswegen muss der moderne Mensch die Fähigkeit haben, sich schnell zu entscheiden.

Das unterschreibe ich. Man spricht schon vom „Digital Divide“: Die einen sind an die digitale Welt angeschlossen, die anderen nicht. Dazwischen wächst eine immer größere Lücke. Parallel dazu gibt es den „Mobility Divide“. Hier gibt es auf der einen Seite Leute, die sehr mobil sind. Sie haben große Bewegungsmöglichkeiten, denn sie haben viel Geld, Zugang zu vielen Transportmitteln und die nötigen Voraussetzungen – wie einen Führerschein. Die anderen haben genau das nicht. Das führt dazu, dass es neue „Kulturen der Sesshaften“ gibt. Die Leute, die nicht an der gesteigerten Mobilität teilhaben können, entwickeln ihre eigene Kultur. Ob notgedrungen oder aus bewusster Entscheidung: Die Sesshaften organisieren ihr Leben so, dass sie alles, was sie brauchen, in ihrem direkten Umfeld, beispielsweise im selben Stadtteil, haben.

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