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Peter Radunski: „Der wirklich entscheidende Punkt ist Dialog“

Den Wähler so direkt und so persönlich wie möglich ansprechen – das ist das Rezept von Wahlkampfexperte Peter Radunski. Ein Gespräch über Medien, Mobilisierung – und eine althergebrachte „Wahlkampfwaffe“. Von Ulrich Heisterkamp.

Peter Radunski - Foto: Publicis ConsultantsWas müssen die deutschen Wahlkämpfer von Barack Obamas Kampagne lernen?

Peter Radunski: Obama hat als Erster überhaupt einen Wahlkampf geführt, der alle Medienkanäle wie Radio, TV, Zeitung und Internet gleichermaßen bediente. „Ubiquity“ sagen die Fachleute dazu. Es ist ein Irrtum zu meinen, er habe sich nur auf das Internet konzentriert. Leute, die nur seine Internetkampagne in den Vordergrund rücken, haben Obamas Wahlkampfstrategie nicht kapiert.

Lernen kann man außerdem von der perfekten Vorbereitung seines Wahlkampfs. Man müsste hierzulande etwa nicht nur Mitglieder, sondern auch Anhänger konsequent in Adresslisten organisieren und so viele Namen sammeln wie möglich. Obama hat perfektes „Micro-Targeting“ betrieben. Das heißt, er hat viele Informationen, die über politische Anhänger bereits im Netz zu finden waren, in Datenbanken bündeln lassen. So wusste er zum Beispiel, ob die registrierten Personen Latinos waren, ob ihnen die Gesundheitsreform oder ein liberales Abtreibungsrecht besonders wichtig sind. Er fragte auch danach, ob sie bereit sind, sich im Wahlkampf aktiv zu beteiligen.

Wenn man die Adressen von Wählern hat und zudem ihre Einstellungen kennt, kann man sie gezielt persönlich und themenspezifisch ansprechen. Für einen Kandidaten ist eine Liste mit drei Millionen Namen daher wertvoller als ein hohes Parteiamt. Aber die deutschen Parteien kennen den Wähler bislang nicht sehr genau, weil sie solche Informationen nicht systematisch sammeln. Obama hat vorgemacht wie es geht.

Lässt sich Obamas Wahlkampfstrategie überhaupt auf Deutschland übertragen?

Die riesigen Geldsummen, die im amerikanischen Wahlkampf investiert werden, stehen den Parteien hier nicht zur Verfügung. Hinzu kommen die strikteren Regeln bei der Parteienfinanzierung in Deutschland. Eine Materialschlacht wie in den USA wird es daher bei uns nicht geben. Darüber hinaus wählen die Amerikaner nicht Parteien wie bei uns, sondern direkt Personen. Sie sind auch stärker gewohnt, den Meinungsmarkt im Internet auszutragen.

Allerdings sollte man die Spendenakquise nach amerikanischem Vorbild professionalisieren. Warum organisieren unsere Parteien keine Partys, um Spenden von vermögenden Geldgebern einzutreiben, wie es in Amerika gang und gäbe ist?

Es gibt zahlreiche neue Plattformen, um den Wähler von heute zu erreichen. Stichwort soziale Netzwerke wie Facebook, YouTube oder Twitter. Hat die deutsche Politszene hier Nachholbedarf?

Es gibt enormen Nachholbedarf, vor allem muss man das Internet endlich als vollwertiges Medium begreifen. Barack Obama hat das getan und auch dank Internet eine breite Euphoriewelle entfacht. Die Amerikaner haben im Wahlkampf begeistert mitgemacht, bei uns hingegen sind das Interesse und die Bereitschaft zum Engagement unterentwickelt. Der Sexappeal der Politik ist relativ gering. Daher muss man in Deutschland das Internet stärker nutzen.

Das allein reicht aber nicht aus. So sollte man auch den guten alten Brief als stärkste Waffe der direkten Kommunikation wieder neu entdecken und im Internetzeitalter keineswegs vernachlässigen. Gerade heute, wo die Parteien Mitglieder verlieren, braucht man das traditionelle Briefe schreiben. Andernfalls kann man viele Menschen, vor allem ältere, nicht direkt erreichen.

Hat das Internet den klassischen Medien wie Fernsehen und Zeitung den Rang abgelaufen?

Nein, es entscheidet nicht die Wahlen, denn die „Generation 60 plus“ ist weniger Internet-affin und gleichzeitig jedoch aktiver an der Wahlurne als die jüngeren Altersgruppen. Fernsehen, Radio und Zeitung muss man weiterhin bespielen, wenn man zum Wähler durchdringen will. Aber ich glaube, dass das Internet fortan in jedem Wahlkampf prozentual an Bedeutung gegenüber den klassischen Medien hinzugewinnen wird. Vor allem für die Spendenwerbung und die Mobilisierung von Freiwilligen ist das Internet ein wertvolles Instrument im Wahlkampf, das man effektiver nutzen könnte.

Wie denn? Was ist denn für Sie nun der entscheidende Punkt, um die Wähler zu mobilisieren?

Der wirklich entscheidende Punkt ist Dialog. Die Web 2.0-Möglichkeiten bieten ja dialogische Formen und Chancen zur Beteiligung. Die ganz große Kunst ist letztlich, über diese neuen Instrumente Unterstützergruppen zu bilden. Dann kann sich ein Kandidat mit Gleichgesinnten im Internet vernetzen und diese im Wahlkampf als „Bodentruppen“ einsetzen, wie es Barack Obama geschafft hat. Das war das Faszinierende seines Wahlkampfs und das wird auch bei uns künftig stärker passieren müssen.

Zur Person:

Wahlkampfexperte Peter Radunski
Peter Radunski
Foto: Publicis Consultants

Peter Radunski kennt alle Rollen des politischen Geschäfts aus eigener Erfahrung: Politiker, Berater, Wissenschaftler, Wahlkampfstratege. Als CDU-Bundesgeschäftsführer leitete er die Wahlkampagnen von Helmut Kohl, wechselte danach als Senator in Berlin auf die Regierungsbank. Heute ist der 70-jährige Berater im PR-Netzwerk Publicis Consultants und lehrt Politikwissenschaft in Berlin und Innsbruck.

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