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Kreuzberger Chaoskreis

Kottbusser Tor, das ist einer der größten Unfallschwerpunkte in Berlin: Sechs Straßen treffen sich dort, Autos fahren dicht gedrängt auf zwei Spuren, Fahrradfahrer direkt daneben und alle haben es immer eilig. Die Polizei will jetzt handeln – lösen kann sie das Problem aber nicht. Von Ralf Fischer.

Verkehr am Kottbusser Tor
Überfüllt und unübersichtlich: Berufsverkehr am Kottbusser Tor.
Foto: Sebastian Fuchs

Die Ampel ist rot. Ungeduldig lässt ein Mann seinen Roller im Lehrlauf aufheulen, als könnte er damit die Ampel beeindrucken. Sie bleibt rot. Kurz. Dann springt sie auf grün. Der Roller rast in den Kreisverkehr. Ein Schwall Autos verfolgt ihn dicht gedrängt. Die Fahrzeuge beschleunigen nebeneinander auf zwei Spuren, nehmen im Konvoi die lange Linkskurve und biegen in der zweiten Ausfahrt ab. Kurz herrscht Ruhe am Kottbusser Tor. Dann schaltet die nächste Ampel um.

Ampeln im Kreisverkehr

Eigentlich ist das Kottbusser Tor gar kein Kreisverkehr, sondern eine Kreuzung, die nur so aussieht wie ein Kreisverkehr. Der große Unterschied: Ampeln stehen normalerweise nur an Kreuzungen. Das Besondere in Kreuzberg ist aber, dass Ampeln nicht nur an den Einfahrten, sondern auch mitten im Kreisverkehr stehen. So kommt es regelmäßig vor, dass die Autos in der Kottbusser Straße zwar grünes Licht haben, aber zehn Meter weiter an der nächsten Ampel wieder halten müssen. „Was macht denn das für einen Sinn?“, fragt Ute Noack. Seit 25 Jahren arbeitet sie in einer Bank am „Chaotenkreisverkehr“, wie sie ihn nennt. „Die eine Ampel wird grün, aber die anderen stehen noch immer im Kreis. Dann geht das Drama wieder los“, sagt sie.

Beim Abbiegen übersehen

229 Mal krachte es im vergangenen Jahr am Kottbusser Tor. Das heißt: Mindestens alle zwei Tage gibt es einen Unfall. Das ist Platz zwei in der Berliner Unfallstatistik hinter Spitzenreiter Frankfurter Tor mit 279 Unfällen. Hauptunfallursache sind laut Polizeistatistik „Fehler beim Abbiegen“.Taxifahrer Asim Kilic kann das nur bestätigen. Vor einem Imbiss an der Reichenberger Straße wartet er auf seine Fahrgäste – den „Kotti“ immer im Blick. „Hier gibt es jeden Tag einen Unfall, weil viele Fremde herkommen, die sich nicht auskennen“, sagt er. Ein typischer Fehler sei, dass ein Autofahrer auf der inneren Spur abbiegen will und dabei ein anderes Auto auf der äußeren Spur neben ihm übersieht. Auch nach fünf Jahren Taxi-Erfahrung fährt Asim Kilic deshalb nur ungern durch den Kreisverkehr.

„Da wird keine Rücksicht genommen“

Bei einer Kreuzung wie dem Kottbusser Tor ist es wichtig, dass jeder Verkehrsteilnehmer auf den anderen achtet – doch wegen der zusätzlichen Ampeln im Kreisverkehr hat es jeder immer eilig. Die Grünphasen sind kurz. „Da wird keine Rücksicht genommen, selbst wenn ein Rettungswagen kommt“, sagt ein Wachmann der Berliner Verkehrsgesellschaft, der in der U-Bahn-Station Kottbusser Tor arbeitet. In den Pausen sieht er oft den Dränglern und Lückenspringern im Kreisverkehr zu. Das reicht ihm. Mit seinem Auto fährt er da nicht rein: „Um Gottes Willen! Das muss man sich doch nicht antun!“

Autos und Fahrradfahrer dicht an dicht

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Die Schwächsten am Kottbusser Tor sind die Fahrradfahrer. Sie fahren auf der Straße direkt neben den Autos. Sie schweben immer in Gefahr, von einem abbiegenden Auto übersehen zu werden. An der Kottbusser Straße stellt Tilman Lind seinen Fuß auf das Pedal und wartet auf grün. „Ich habe noch nie einen Unfall erlebt“, sagt er. Aber er kann sich an Situationen erinnern, in denen nur seine Bremsen ihn vor Schlimmerem bewahrt haben. „Immer für die anderen mitdenken“, ist seine Überlebensstrategie. Immerhin: Radfahrer werden nur selten Opfer am Kottbusser Tor. Die häufigste Unfallart ist laut Polizei Auto gegen Auto, schwere Verletzungen sind deshalb selten. Nur eine Person verletzte sich im vergangenen Jahr schwer, Todesfälle gab es keine.

Verkehr ist kaum zu kontrollieren

Die Polizei will die Situation verbessern: Eine Ampel soll bald versetzt und Markierungen auf der Straße erneuert werden. Mehr sei aber nicht möglich. Die Fahrbahn beispielsweise könne unmöglich verbreitert werden. So wird aber das wahrscheinlich größte Problem auch in Zukunft bestehen bleiben: Zu viele Autos fahren auf viel zu wenig Raum.

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