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Berlins großer Traum vom Fliegen

In der Hauptstadtregion Berlin Brandenburg entsteht für rund drei Milliarden Euro der neue Großflughafen BBI. Seine Befürworter versprechen einen Konjunkturmotor für die Region. Die Kritiker dagegen sagen, der Hauptstadt-Airport bringt nichts, außer Fluglärm. Von Ralf Fischer.

Geplanter Terminal des Hauptstadtflughafen BBI
Anreisen unter dem Glasdach: Eine Simulation zeigt das geplante Terminal des neuen Berliner Flughafen BBI.

Foto: Berliner Flughäfen

Bisher belegt Berlin als Flughafenstandort im europäischen Vergleich Platz 15. Im vergangenen Jahr starteten und landeten 21 Millionen Passagiere auf den zwei Flughäfen Tegel und Schönefeld. Im Vergleich dazu bewältigt der größte deutsche Flughafen in Frankfurt mehr als das Doppelte. Berlin soll aber in naher Zukunft in die Top-Ten europäischer Flughäfen vorstoßen.

Für 2,4 Milliarden Euro darf die Flughafen Berlin-Schönefeld GmbH den ehemaligen DDR-Flughafen Schönefeld zu einem neuen Großflughafen ausbauen. Hinzu kommen noch mal rund 700 Millionen für Autobahn- und Schienenanschluss. Damit beläuft sich das Gesamtprojekt auf mehr als drei Milliarden Euro.

Ende 2011 soll der Regelflugverkehr auf dem „Berlin Brandenburg International“ (BBI) beginnen. Zielmarke sind 25 Millionen Passagiere jährlich. Die Kapazität kann aber noch bis auf das Doppelte ausgebaut werden. „Wenn die Bagger 2015 oder 2016 nicht wieder rollen, machen wir etwas falsch“, sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel. Der Marktvorteil für den Standort Berlin sei seine Lage: der BBI könnte eine Art Umsteigebahnhof für Touristen und Geschäftsreisende mit Zielen in osteuropäischen Ländern werden. Finanziert wird der Bau durch Kredite. Die Gesellschafter der Betreiber-GmbH, Berlin, Brandenburg und der Bund, bürgen aber zu 100 Prozent für den Fall, dass der BBI die 2,4 Milliarden in den nächsten 25 Jahren nicht tilgen kann.

Flugverkehr wächst in den nächsten Jahren um ein Drittel

Das Luftfahrtgeschäft ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Zwar erlebt es in der Krise aktuell einen Dämpfer – doch mittelfristig soll es weiter bergauf gehen. Alleine in Deutschland erwartet die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV), dass der Passagierverkehr in den nächsten zehn Jahren um ein Drittel wächst. Damit ist aber auch gleichzeitig ein Problem verbunden: Den deutschen Flughäfen gehen die Kapazitäten aus. Bereits heute werden mehr Abfertigungen angefragt als möglich sind. „Wir müssen unsere Infrastruktur ausbauen, damit wir ein Stück von dem Kuchen abhaben können“, sagt ADV-Sprecher Leif Erichsen.

Sonderkonjunktur für die Region

Aber auch die Region soll profitieren. 400.000 Arbeitslose gibt es aktuell in Berlin und Brandenburg – die Hoffnung auf einen Konjunkturanschub ist groß. 40.000 neue Arbeitsplätze verspricht ein Gutachten des Flughafens in den nächsten vier Jahren. Die meisten Arbeitsplätze sollen im Umland entstehen. Denn der BBI mache Berlin attraktiv als Standort für neue internationale Firmen und damit für neue Stellen. Ob das aber so eintrifft ist offen. Vor allem Flughafengegner kritisieren diese Schätzung. Brandenburg und Berlin jedenfalls haben zusammen 800 Hektar neue Gewerbeflächen ausgeschrieben. Bisher kann die Zukunftsagentur Brandenburg jedoch nur zwei Ansiedlungen großer Unternehmen mit „mehreren hundert Arbeitsplätzen“ bestätigen. „Es gibt bereits erste Erfolge und weitere deuten sich an“, sagt Brandenburgs oberster Wirtschaftsförderer Detlef Stronk. Die 40.000 Arbeitsplätze seien eine „sehr realistische Zahl“. Im Flughafen-Landkreis Dahme-Spreewald gibt es laut Wirtschaftsförderer Gerhard Janßen „erste Anläufe“. Ein Hotel feierte Richtfest. Außerdem hätten sich Parkplatzanbieter und Projektentwickler Flächen gekauft. Richtig messbar ist die Wirkung des neuen Flughafens aber noch nicht. Es gibt keine Statistik, die erfasst, warum genau ein Unternehmen in die Region gekommen ist. Tenor ist aber im Land und Landkreis, dass es für den großen Ansturm auf die Flächen noch zu früh sei.

Grundstückspreise sinken dramatisch

Ferdi Breitbach schaut in den Himmel
Besorgter Blick in den Himmel: Ferdi Breitbach engagiert sich in Diedersdorf gegen den Fluglärm.

Foto: Ralf Fischer

In der Flughafennachbarschaft herrscht weniger BBI-Euphorie. Ferdi Breitbach wohnt in Diedersdorf und engagiert sich in einer Bürgerinitiative gegen den Schönefeld-Ausbau. Die neue Landebahn liegt vier Kilometer von seinem Haus entfernt. Je nach Flugzeugtyp, so hat die Bürgerinitiative ausgerechnet, kann der Fluglärm in der Spitze bis zu 90 Dezibel erreichen. Das entspricht in etwa dem Geräusch einer Hauptverkehrsstraße in zehn Metern Entfernung. Die Grundstückspreise seien deshalb dramatisch eingebrochen: Sie sind nur noch die Hälfte wert oder unverkäuflich. „Die Leute werden um ihr Eigenkapital gebracht“, sagt Breitbach. Mit einer Massenklage vor dem Bundesverwaltungsgericht wollte die Bürgerinitiative den Ausbau vor drei Jahren stoppen. Das Urteil war halb Niederlage und halb Sieg – der Flughafen wird zwar gebaut – nächtlicher Flugverkehr ist aber verboten.

Flughafenverband kritisiert Nachtflugverbot

Der Flughafenverband ADV ist mit dieser Rechtssprechung unzufrieden. „Wir bauen teure Flughäfen, die mehrere Milliarden Euro kosten und haben nicht die Sicherheit, dass wir sie richtig nutzen können. Da läuft was falsch“, sagt Sprecher Leif Erichsen. Das Nachtflugverbot sei schlecht für den Standort. Gerade Interkontinental- und Billigflieger seien auf nächtliche Flüge angewiesen. Vor dem Urteil rechneten die Flughafenbetreiber in Berlin mit 86 Flügen zwischen 22 Uhr abends und sechs Uhr morgens. Jetzt ist zwischen 22 Uhr und Mitternacht sowie in den frühen Morgenstunden zwischen fünf und sechs Uhr nur ein eingeschränkter Flugverkehr erlaubt. Das Verkehrsministerium Brandenburg muss nun entscheiden, wie viele Flüge es in diesen sogenannten „Tagesrandzeiten“ zulassen will. Die Entscheidung soll im Spätsommer fallen.

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